Sunday, 25 Jul 2010

Geschichte

Wer frei ist, ĂŒberlegte Max eines Nachmittags im Herbst, als er auf seinem Balkon stand und die sich gelb fĂ€rbenden BĂ€ume betrachtete, kann sich nicht vorstellen, je eingesperrt zu sein, genausowenig wie ein Gefangener sich wirklich die Freiheit vorstellen kann. Die TrĂ€gheit der Masse hat ihr Pendant in der TrĂ€gheit des Geistes: alles, was in einem bestimmten Augenblick nicht der Fall ist, hat den Charakter eines Traumes. Die Folge ist, dass die Geschichte zwar in BĂŒchern zu finden ist, aber kaum außerhalb – und was sind schon BĂŒcher? Kleine GegenstĂ€nde, Dinge, die selten grĂ¶ĂŸer sind als ein Ziegelstein, nur leichter und fast unauffindbar zwischen den Myriaden anderer Dinge, die die ErdoberflĂ€che bedecken, und obendrein auf dem besten Wege, von Tag zu Tag unbedeutender zu werden in der immer schneller aus lauter Codes sich speisenden elektronischen Welt. Alles beschleunigt sich, und was geschehen ist, hĂ€tte genausogut auch nicht geschehen sein können. TrĂ€ume sind nach dem Aufwachen nur ein paar Minuten greifbar und dann vergessen. Wo war die Schlacht bei Verdun heute, außer in fast unauffindbaren und auf jeden Fall ungelesenen BĂŒchern und in der Erinnerung einer Handvoll alter MĂ€nner, die in zwanzig Jahren mitsamt ihren AlptrĂ€umen und Narben begraben sein wĂŒrden? Wo war die Schlacht von Stalingrad? Der Bombenangriff auf Dresden? Hiroshima? Auschwitz?

Aus: Harry Mulisch, “Die Entdeckung des Himmels”


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