Tuesday, 11 May 2010
Was wäre, wenn der Brouwersche Fixpunktsatz nicht gelten würde[1] und es eine glatte Abbildung von einer abgeschlossenen Kreisscheibe auf ihren Rand gäbe? Ein literarisches Korollar.
An einem unscheinbaren Tag bewirkte ein Ereignis einen Widerspruch. Dieses Ereignis war irgendeines von jenen, die in Science Fiction-Geschichten Zeitreisen, Raumrisse, Paradoxien, Aufhebungen von Paradoxien und Cliffhanger verursachen. Dieser Widerspruch war nicht bloß irgendeiner, sondern ein ganz bestimmter und führte zu der Umkehrung des Wahrheitswertes des Brouwerschen
Fixpunktsatzes, der daraufhin eine Zeitlang nicht mehr galt.
Die ungewöhnlichen Erscheinungen des Tages, von denen diese Erzählung handelt, beinhalteten[2] einen fatalen Zwischenfall, der darin bestand, dass eine Frau ihren Ehegatten dazu bewegte, eine Kirsche zu verschlucken. Solche Zwischenfälle kommen in den besten Elternhäusern vor und sind normalerweise nicht bemerkenswert ungewöhnlich, geschweige denn fatal. Kirschen werden heutzutage fast überall verschluckt, von Argentinien bis Zimbabwe, was niemand für weiter bemerkenswert hält[3].
“Probier doch mal”, waren die Worte, die das Ende seines nicht mehr allzu langen Lebens einleiteten. Er tat, wie geheißen. Die Kirsche (mitsamt Kern[4], versteht sich, denn schließlich handelte es sich beim Protagonisten dieses Paragraphen nicht etwa um einen erfahrenen Kirschenesser, da die Verwendung des Wortes “Probieren” ansonsten eine Paradoxie wäare und das Ereignis nicht etwa eines war, das der Hervorrufung oder Behebung selbiger diente) glitt in den Mund und verschwand im Rachen, wobei anzumerken ist, dass sich der Mann nicht etwa daran verschluckte, nein, der Schluckvorgang verlief, wie man es sich nur wünschen kann, schnell und reibungsarm.
Daran ist noch immer nichts Ungewöhnliches festzustellen, abgesehen vielleicht einmal von der Tatsache, dass es sich bei diesem Zwischenfall um einen der seltenen Fälle handelte, in denen sich ein Mensch inständig gewünscht hätte, sich an einem Kirschkern verschluckt zu haben, wenn er denn noch lange genug am Leben gewesen wäre, um diesen Wunsch zu entwickeln.
Ungewöhnlich war die Zeitspanne, nach welcher der Kirschkern den Rachen des Mannes wieder verließ – ungewöhnlich kurz. Der Kirschkern traf auf jenen Teil der Schleimhaut, die den hinteren Teil des Rachens
bedeckte, und deformierte sie leicht, woraufhin sie sich nach außen hin dehnte, eine Öffnung freigab und mitsamt den dahinterliegenden Gewebeschichten den Weg für den Kirschkern bahnte, der daraufhin den Mann rückseitig aus dem Hals wieder verließ. Der Mann war nicht mehr topologisch äquivalent zu dem Mann, der er Sekunden zuvor noch gewesen war[5]. Und wie oft in solchen Fällen, hing die Vitalität (oder vielmehr deren Abwesenheit) des Mannes mit seiner Topologie zusammen.
Eine traurige Geschichte.
Der Ehefrau des Mannes fiel in Anbetracht der Ereignisse ihre Handtasche beinahe aus der Hand, was keinerlei Auswirkungen auf den Aufenthaltsort des Handtascheninhalts zu haben vermochte, da dieser ihre Handtasche zum selben Zeitpunkt und aus ähnlichen Beweggründen verlassen hatte wie der Kirschkern ihren Mann. Die Ehefrau japste nach Luft, welche daraufhin in ihre Lunge strömte. Ihr rechter Lungenflügel dehnte sich bedenklich.
Glücklicherweise kam es zu genau diesem Zeitpunkt zu einem weiteren Ereignis aus der Reihe derer, die schon so manches gute Science Fiction-Buch retteten.
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[1] In der Wissenschaftswelt gibt es ja immer wieder Streitigkeiten darüber, worin der Sinn und Zweck von Mathematik besteht, wieso man Mathematik in der Schule lernen muss, wieso man sie an der Universität manchmal noch immer lernen muss, wieso überhaupt irgendjemand Mathematik lernen sollte und wieso man, wenn man erwachsen ist und schon nicht mehr Mathematik lernen muss, trotzdem noch Geld dafür ausgeben muss, dass andere Leute, die Mathematik lernen wollen, Mathematik lernen dürfen. Denen, welche sich diese Fragen stellen, sei wärmstens nahegelegt, zur Feier ihres nächsten Geburtstags sechzehn Gäste einzuladen und einen Geburtstagskuchen zu backen.
Kirschkuchen, versteht sich.
[2] Sie beinhalteten auch noch andere erwähnenswerte Begebenheiten, zum Beispiel die Geschichte rund um zwei Freundinnen, die den betreenden Nachmittag in Badeanzügen am Mittelmeer verbrachten und aus Jugendschutzgründen dem Leser als Übungsaufgabe überlassen bleibt.
[3] Weshalb es auch niemand bemerkt und niemand auf die Idee kommt, darüber Texte zu schreiben.
[4] Glücklicherweise werden Kirschkerne nicht immer verschluckt, denn dieser Text hat seine Entstehung der Tatsache zu verdanken, dass die Verfasserin gerade ihre Rückenzerrung auf einem warmen Kirschkernkissen liegend auskuriert, welches ganz bestimmt nicht enstanden wäre, wenn die hierfür verwendeten Kerne nicht ihrerzeit sorgfältig abgelutscht und getrocknet worden wären.
Daher ist der betrachtete Fall keineswegs trivial.
[5] DON’T TRY THIS AT HOME.


May 12th, 2010 at 10:53 am
Hmm, jetzt weiß ich zu schätzen, was mein Nicht-Informatiker-Freund immer durchmacht, um jede versteckte Anspielung in xkcd-comics zu verstehen…
May 12th, 2010 at 1:20 pm
Immerhin ist die Anzahl an Anspielungen ziemlich endlich. ;-)
May 21st, 2010 at 10:46 pm
“Der Mann war nicht mehr topologisch äquivalent zu dem Mann, der er Sekunden zuvor noch gewesen war”
Ich musste so lachen! Das ist gut! Hast Du es selbst geschrieben?
Grüßle aus dem Schwabenland!