Thursday, 10 Sep 2009
Gestern, in einem Bus in Tel Aviv, fragte mich der Busfahrer, woher ich denn komme (Deutschland) und in welcher Stadt ich wohne (Muenchen). Daraufhin folgte eine minutenlange Stille, und er murmelte, Muenchen (Muenchen 1972) koennte man niemals vergessen. Ich beschloss im Stillen, ab jetzt immer “Duesseldorf” zu antworten.
Die Schuldfrage, die Werke wie Schlinks “Vorleser” aufwerfen, ist erweiterbar. Inwiefern haben sich die Handelnden im 2. Weltkrieg schuldig gemacht, die nicht wussten, was sie taten? Die aus individuellen Motiven heraus handelten? Inwiefern ist jemand, der in Deutschland lebt und erfaehrt, dass der eigene Grossvater in der SS war, schuldig? Darf man dann nicht mehr mit ihm Kaffee trinken? Inwiefern macht man sich schuldig, wenn man sich freiwillig fuer Deutschland als Wohnort entscheidet? Wie weit darf man sich mit dem Land, in dem man lebt, identifizieren, ohne alles verkoerpern zu muessen?
Ich bin mir nicht sicher, ob das Konzept von Schuld und Unschuld sich ohne Weiteres auf saemtliche vorstellbaren Systeme und Verhaltensweisen darin uebertragen laesst. Viele, die unter Hitler erfolgreich waren, waeren es wohl auch in einer heutigen Versicherung. Aber wie kann man dann die Existenz eines Gerichts rechtfertigen? Wie kann es ueberhaupt ein richtiges Urteil geben?


September 11th, 2009 at 12:33 am
Um Schuld auf sich zu laden, müssen zunächst einmal Werte definiert werden, gegen die man dann verstößt. Diese sind aber je nach Epoche, Gesellschaft und persönlicher Umwelt unterschiedlich und veränderlich. Wenn man die Werte des 3. Reiches zugrundelegt, war jeder schuldig, der sich gegen die Greueltaten stellte. Kann man die Menschen/Gerichte verteufeln, die sich Systemkonform verhielten/verhalten? Der Gedanke, dass grundlegende Werte, außerhalb jeder Gesellschaftsordnung, existieren, kam doch erst mit den Nürnberger Prozessen auf.
Letztendlich muss jede Entscheidung an den eigenen Wertvorstellungen (Gewissen) gemessen werden. Ich bin der Meinung, der größte Vorwurf, den man diesen Menschen machen kann, ist, dass sie wie Marionetten handelten und eben nicht selbstständig ihre Taten bedachten.
Allerdings glaube ich nicht, dass ich an deren Stelle anders gehandelt hätte. Aus der Distanz und mit unserer Erfahrung, kann man sich wohl auch schlecht in deren Situation versetzen.
Mein Großvater war in der Waffen-SS und ich bin Deutscher, aber ich fühle mich deswegen nicht schuldig. Genausowenig bin ich ein “Dichter und Denker”, nur weil Goethe,Schiller,Kant etc. Deutsche waren. Entscheidend ist, wie man selbst handelt.
Was genau macht uns zu “Deutschen”? Der Geburtsort, die Muttersprache oder die Herkunft der Eltern sind rein zufällig und überdies leicht wandelbar (wie viele Deutsche wissen z.B., dass Kants Wirkungsstätte Königsberg heute Kaliningrad heißt und zu Russland gehört?). Gibt es so etwas wie spezifische Eigenschaften, die ein Volk charakterisieren? Oder sind das nur Vorurteile? Nimmt man das Zugehörigkeitsgefühl zu einer gewissen Gruppe von Menschen aufgrund gemeinsamer Erziehung, Lebenseinstellung, Erfahrungen etc. als Grundlage, so hätte man wahrscheinlich eine Deutschlandkarte wie vor 250 Jahren. In einer globalisierten Welt scheinen mir solche Kategorisierungen sowieso immer mehr zu verblassen.
Wie sagte Volker Pispers so schön:” Ich bin mit meinem bisschen Mensch sein derart ausgelastet, zum Deutsch sein komm´ ich ganz ganz selten.” (Bis neulich, Bonn 2007)
September 11th, 2009 at 6:12 pm
Es soll jetzt wirklich ausgezeichnet in Tel Aviv sein. Viel sonniger als in Moskau )
Meine Meinung nach, dieser Schuld des deutschen Volkes ist eine bequeme politische Waffe, und nichts mehr.
Müssen die Franzosen sich schuldig füllen, dass sie in 1812 die Russland Erkämpfen versuchten? Falls ja, dann wie lange müssen sie über dieser Schuld sich erinnern?
Ich bin davon überzeugt, dass es viel besser wäre, wenn alle Menschen würden aufhören mit dieser dunklen Seite unserer gemeinsamen Geschichte zu spekulieren.
Hoffe es war klar auf Deutsch)).
September 13th, 2009 at 2:03 pm
Aber Geschichte hat die Eigenschaft, sich zu wiederholen. Zu vergessen bedeutet, auf aehnliches nicht mehr gefasst zu sein und in der Ueberzeugung weiterzuleben, die Menschheit waere grundsaetzlich eigentlich ganz anders.
October 4th, 2009 at 4:23 pm
Inwiefern haben sich die jugendlichen S-Bahn-Schläger aus München “schuldig gemacht, die nicht wussten, was sie taten? Die aus individuellen Motiven heraus handelten?” Was für ausgewählte Menschen können jemanden töten, und nicht wissen was sie tun? Entlastet es, wenn jemand aus individuellen Motiven heraus jemanden tötet oder von Verschleppung und Tötung von Menschen weiss und nichts unternimmt?
Schuld kann man als nicht direkt handelnder schwerlich haben, aber Verantwortung hat man, wenn man in die Gesellschaft von Menschen geboren wurde, die alles negiert haben, was menschlich ist. Und einige der Kommentare oben sind in diesem Sinne verantwortungslos.
January 21st, 2010 at 10:43 pm
Die Schuld gibt es nicht. Wollte man ihre Existenz an sich annehmen, müsste man eine höhere Instanz, also einen Gott (meinetwegen auch eine Göttin ;-), postulieren, die darüber entscheiden kann.
Real sind Schuldgefühle (subjektiv) und Schuldzuweisungen (von außen, von der Gesellschaft her).
Durfte man die Nazi-Größen und die KZ-Verbrecher bestrafen, obwohl ihr Verhalten im damaligen System sanktionsfrei und erwünscht war?
Die übliche Argumentation läuft wohl darauf hinaus, dass Mord auch damals juristisch Unrecht war und dass es im übrigen absolute Kriterien oder Grenzen gibt, bei deren Erfüllung bzw. jenseits derer jeder wissen muss, dass er so etwas nicht tun darf.
Die Gesellschaft braucht diese Argumentationslinie, um die Bestrafung der Nazis vor sich selbst zu rechtfertigen.
Jenseits solcher psychohygienischer Sachzwänge und jenseits der Frage der “Gerechtigkeit” würde ich die Bestrafung der Nazis wegen der potentiell abschreckenden Wirkung für legitim halten.
Opfer werden das anders sehen (da geht es eher um Sühne und Genugtuung), aber für mich liegt die wesentliche Wirkung der Strafe in der abschreckenden Wirkung. Abschreckung für das zukünftige Verhalten des Täters kommt bei den Nazi-Verbrechen kaum in Betracht, weil deren Wiederholung schon aufgrund des geänderten gesellschaftlichen Umfeldes nicht zu erwarten ist - denken Sie an Hanna Schmitz im “Vorleser”!
Abschreckung anderer schon - auch wenn sie im Kosovo, Ruanda usw. nicht gewirkt hat. Andererseits können wir nicht wissen, ob die gesellschaftliche Ächtung z. B. von Völkermord nicht doch etwas bewirkt hat und bewirkt. Auf jeden Fall ist sie Teil einer Veränderung des gesellschaftlichen Wertesystems.
Die Frage nach der Schuld ist ja besonders in der Debatte um die Willensfreiheit virulent. Ich gehe davon aus, dass es keine Willensfreiheit und somit auch keine Schuld gibt. Dennoch halte ich eine Bestrafung für gerechtfertigt, weil sie als Feedback-Element (verbunden mit der Vorstellung von “Schuld”) in das Verhalten der Täter (vielleicht) und in das Verhalten der Gesellschaft eingeht. Für mich ist also jedenfalls auf der abstrakten Ebene (im Alltagsdenken verwende natürlich auch ich die Vorstellung von Schuld) die Funktion von Strafe das Entscheidende, nicht die Frage nach der “Schuld”.