Monday, 20 Jul 2009
“Meine Jacke stört”, denkt sich der zwölfjährige Junge, der sie lustlos hin und her schleudert, erst über die eine Schulter wirft, dann über die andere, während er über den grauen Bürgersteig schlendert (Wieso sind eigentlich alle Bürgersteige grau? Warum kommt niemand auf die Idee, den Beton mal einzufärben?). An ihm vorbei galoppiert ein Fahrrad quer über die pflastersteinbedeckte Straße (Welchen Sinn hat es, wenn die Straße den Radfahrern zuliebe gepflastert ist, der Bürgersteig aber glattbetoniert?). Die Radfahrerin hat es eilig, denn bereits vor siebeneinhalb Minuten hat ihre Vorlesung begonnen. Nur knapp verfehlt sie den Rentner, der sie missmutig anschaut und nicht anders kann, als sich brummend über die heutige respektlose Münchner Jugend aufzuregen. Beinahe wäre ihm Worte von den Lippen gewichen, die es sich aber anders überlegen, weil er plötzlich die Stimmen der Kinder hinter dem Maschendrahtzaun der Kindertagesstätte vernimmt. Ein paar Knirpse tun so, als ob sie versuchen würden, den Zaun zu erklimmen, der nicht viel höher ist als sie selbst. Die Kindergärtnerin sitzt daneben und blickt gedankenverloren in den Himmel, weil sie an den Discoabend am Vorabend denkt und an den Mann mit den zurückgegelten Haaren und den strahlenden Augen. Sie wundert sich über ihn, weil das nicht zusammenpasst – das Gel und die Lederjacke und die ehrlichen Hundeaugen. Sie würde ihn am liebsten anrufen, aber sie weiß, dass das gegen sämtliche gesellschaftlichen Konventionen verstoßen würde, die zwar unverständlich aber dadurch nicht weniger existent sind. Die Vorwahl seiner Handynummer hat sie bereits gewählt.
Eine Dame, die großen Wert darauf legt, eine Dame zu sein, weil sie den Begriff einer Frau als abwertend empfindet, aber stets am Lautesten über schmutzige Witze lacht, deren Protagonistinnen schon froh darüber wären, mit jugendfreien Begriffen bezeichnet zu werden, in den Wechseljahren weicht wankend dem Rentner aus. Die Ausweichbewegung ist nötig, weil der Bürgersteig eigentlich zu eng für zwei Personen nebeneinander ist, ein Einbahnbürgersteig, ein graues, betoniertes Höflichkeitsexamen, und das Wanken, weil die Absätze ihrer Sandalen so hoch sind, dass ihr Schwerpunkt sich an einer Stelle befindet, die ganz sicher nicht zu denen gehört, an denen er sein dürfte, wenn sie ihr Gleichgewicht ohne weiteres halten könnte. Sie fummelt sich an den strohigen, gefärbten Haaren herum, die nach einem Shampoo riechen, dessen Werbung das leidenschaftlichste weibliche Stöhnen des gesamten Fernsehprogramms dieser Woche beherbergt, und wischt ihre Sonnenbrille ab und denkt an Herbert oder Hans oder irgendwas anderes mit H, der schon im Biergarten am chinesischen Turm auf sie wartet. Mitten in der Frage, ob wohl wieder er seinen großen Schäferhund mitbringt, stolpert sie über die Leine, die zu einem Terrier gehört, der treuherzig neben einer keuchenden Joggerin entlangkeucht.
“Vierzehnhundertdreiundneunzig”, denkt der Historiker, der gedankenverloren mit dem Blick auf seine Uhr gerichtet über die sowieso beinahe unbefahrene Straße schlendert, um niemanden anrempeln zu müssen. Als er den Arm mit der Uhr wieder senkt, hat er bereits vergessen, welche Uhrzeit sie angezeigt hat, und muss wieder auf die Uhr schauen. Er schaut fünfmal nach, wie spät es ist, bis er völlig vergisst, wohin er will, und aus Versehen in eine vollkommen falsche Richtung abbiegt.
Der Erzähler schlendert durch den Walter-Klingenbeck-Weg, mustert jeden Menschen sorgfältig und malt sich insgeheim aus, was wohl dessen Geschichte ist.


July 21st, 2009 at 11:23 pm
Tip: Dylan Thomas, Unterm Milchwald