Hinweise…

Posted on Tuesday 28 July 2009

…zur Bearbeitung der Übungsaufgaben

(1) Der Tisch ist fast leer. Niemand stört. Das Radio ist aus. Etwas zu begreifen, braucht seine Zeit.

(2) Griffbereit liegen: unliniertes Papier (DIN A4, gelocht für Hefter), Bleistift, Minenspitzer, Radierer, durchsichtiges Lineal oder Geo-Dreieck; nur Minimum an  Hilfsmitteln (Vorlesungsausarbeitung, mathematisches Taschenbuch).

(3) Problemstellung-Detail-Studium: jedes Wort bewerten. Was passiert qualitativ? Kann das Problem (nur) eine Lösung haben? Wie könnte die Lösung aussehen? Hierbei füllt sich ein Schmierzettel mit Skizzen, Worten und Formeln.

(4) Nur einmal gründlich (statt viermal flüchtig) das Problem angehen; die “trivialen” Zwischenschritte mit zu Papier bringen: “Fußgängermethode”; alles, was durch den Bleistift geht, sollte galgensicher sein; saubere, große Skizzen.

(5) So klein wie möglich schreiben (um auf einem Blatt schon maximale Übersicht zu erhalten).

(6) Text in Stichworten, Zwischen-Überschriften, Zwischen-Zusammenfassungen bei längeren Rechnungen, Numerierung der Seiten, Numerierung wichtiger Gleichungen.

(7) Verbinden von Gleichheitszeichen, Unterklammern, Abkürzungen aller Art, Einkreisen bei Kürzen oder Übernehmen in neue Zeile.

(8) Ergebnis: ist es physikalisch vernünftig? Enthält es die denkbaren Spezialfälle richtig? Dimensionsprobe u. a.

(9) Suche nach eleganterem, kürzerem, klarerem Weg. Neue Darstellung. Formulierung so, dass Schritte gerade noch im Kopf nachvollziehbar. Dabei läßt sich meist der Stoff von z. B. vier Seiten auf nur einer Seite unterbringen.

(10) Bei zu schwerem Problem: wirklich bis dorthin gehen, wo es nicht mehr weitergeht; Schwierigkeiten benennen; vielleicht ist wenigstens ein vereinfachtes Problem oder ein Spezialfall lösbar? Sind Näherungen möglich?

(11) Wenn man etwas verstanden hat und es sich gut aufgeschrieben hat, dann ist man stolz und hebt es auf (im “Leitz-Ordner des Lebens”).

Diese herrlichen “Hinweise zur Bearbeitung der Übungsaufgaben” habe ich heute unerwartet hier wiederentdeckt – ob sie von Prof. Schenzle selbst stammen, weiß ich allerdings nicht. Wenn sie jemandem bekannt vorkommen, könnte es daran liegen, dass er oder sie im letzten Wintersemester die Rechenmethoden-Vorlesung bei Prof. Curio gehört hat, der sie uns in der letzten Vorlesung – na, was wohl? – *vorgelesen* hat.

Alex @ 10:59 pm
Filed under: Physik and Studium
How To Annoy Your Students

Posted on Sunday 26 July 2009

Eine Anleitung für Dozenten, Professoren und Übungsleiter.

  • Ob in der Klausur Hilfsmittel verwendet werden dürfen oder nicht, ist eine nicht völlig irrelevante Entscheidung, die Sie nicht ständig vor sich herschieben sollten. Scheuen Sie sich deshalb nicht davor, sie zu treffen, gern auch mehrfach und unterschiedlich.
  • Eine naheliegende Notation ist sehr hilfreich. Für Mathematikprüfungen empfiehlt sich insbesondere die folgende erklärende Einleitung: “Sei V ein Körper und sei K ein V-Vektorraum. Seien µ, π, v  Elemente aus K und w, k aus V.”
  • Vergessen Sie nicht, in Übungsaufgaben ab und zu ein paar Werte und Zusammenhänge zu definieren, die für die Lösung überhaupt nicht benötigt werden.
  • Wenn Sie an die Tafel schreiben, verwenden Sie nach Möglichkeit die Variablen v, ν, u, n, m, w.
  • Schreiben Sie möglichst, ohne die Kreide abzusetzen. (Üben Sie mit dem Wort “Minimum”.)
  • Versuchen Sie, die Tafel beim Wischen mit einer möglichst gleichmäßigen Kreideschicht zu bedecken. Probieren Sie aus, ob es funktioniert, Finger als Anti-Kreide zu benutzen.
  • Fehler auf den Übungsblättern bringen Studenten zum Nachdenken und verbessern somit den Lerneffekt. Trauen Sie sich ruhig auch mal, mehrere Variablen mit demselben Buchstaben zu benennen.
  • … den Sie kurz zuvor erfunden haben.
  • Stellen Sie die Übungsblätter online? Hören Sie mitten im Semester damit auf und beginnen Sie, sie nur in der Vorlesung auszuteilen.
  • Gibt es ein Skript? Steht es online? Ändern Sie dies in der Woche vor der Klausur.
  • Falls an Ihrer Universität eine neue Studienordnung (z.B. Bachelor/Master) eingeführt wird, setzen Sie sich für die Verbesserung der Studienbedingungen ein und sorgen Sie dafür, dass auch Anzahl und Art von Pflichtvorlesungen geändert werden. Geben Sie die im laufenden Semester gültigen Änderungen höchstens vier Tage vor der Klausur bekannt.
  • Vermeiden Sie es unbedingt, dass ein Student an die Musterlösung eines Übungsblatts gerät, sie abschreibt und anschließend abgibt. Sollte dies doch geschehen, bestreiten Sie um jeden Preis, dass das die Musterlösung war. Die Bewertung des Tutors könnte ansonsten peinlich für Sie werden.

Diese Liste wird vielleicht fortgesetzt. Je nach Bedarf oder Wunsch. (Und obwohl an dieser Stelle eine naheliegende Frage auftreten könnte, wird sie an dieser Stelle nicht beantwortet.)

Alex @ 10:16 pm
Filed under: Sonstiges and Studium
Forster 2

Posted on Tuesday 21 July 2009

Wenn man als Dozent das Leben seiner Studenten erleichtern will (insbesondere das derjenigen, die versuchen, sich in der Nacht vorher noch schnell auf die Klausur vorzubereiten *pfeif*), zitiert man aus unterschiedlichen Lehrbuchausgaben. Wenn man will, dass die Studenten dabei auch noch lächeln, macht man das wie folgt:

[...] Wir betrachten hier nur den Fall einer einzigen Nebenbedingung (siehe die ältere hellblaue Ausgabe von Forster 2, Kapitel 8), der weniger allgemein ist als Satz 4 in Abschnitt 9 von Forster 2 (dunkelblau): [...]

In Anbetracht der Tatsache, dass die Bibliothek drei verschiedene Forster-Ausgaben führt, deren Umschläge in drei verschiedenen Dunkelblautönen daherkommen, dürfte es gar nicht so leicht sein, die besagte Ausgabe aufzutreiben. Welcher Hellblauton das wohl genau ist? Zwischen #cae1ff und #0000aa könnten bei Lehrbüchern schließlich Jahre liegen.

Alex @ 11:24 pm
Filed under: Mathematik and Sonstiges and Studium
Walter-Klingenbeck-Weg

Posted on Monday 20 July 2009

“Meine Jacke stört”, denkt sich der zwölfjährige Junge, der sie lustlos hin und her schleudert, erst über die eine Schulter wirft, dann über die andere, während er über den grauen Bürgersteig schlendert (Wieso sind eigentlich alle Bürgersteige grau? Warum kommt niemand auf die Idee, den Beton mal einzufärben?). An ihm vorbei galoppiert ein Fahrrad quer über die pflastersteinbedeckte Straße (Welchen Sinn hat es, wenn die Straße den Radfahrern zuliebe gepflastert ist, der Bürgersteig aber glattbetoniert?). Die Radfahrerin hat es eilig, denn bereits vor siebeneinhalb Minuten hat ihre Vorlesung begonnen. Nur knapp verfehlt sie den Rentner, der sie missmutig anschaut und nicht anders kann, als sich brummend über die heutige respektlose Münchner Jugend aufzuregen. Beinahe wäre ihm Worte von den Lippen gewichen, die es sich aber anders überlegen, weil er plötzlich die Stimmen der Kinder hinter dem Maschendrahtzaun der Kindertagesstätte vernimmt. Ein paar Knirpse tun so, als ob sie versuchen würden, den Zaun zu erklimmen, der nicht viel höher ist als sie selbst. Die Kindergärtnerin sitzt daneben und blickt gedankenverloren in den Himmel, weil sie an den Discoabend am Vorabend denkt und an den Mann mit den zurückgegelten Haaren und den strahlenden Augen. Sie wundert sich über ihn, weil das nicht zusammenpasst – das Gel und die Lederjacke und die ehrlichen Hundeaugen. Sie würde ihn am liebsten anrufen, aber sie weiß, dass das gegen sämtliche gesellschaftlichen Konventionen verstoßen würde, die zwar unverständlich aber dadurch nicht weniger existent sind. Die Vorwahl seiner Handynummer hat sie bereits gewählt.
Eine Dame, die großen Wert darauf legt, eine Dame zu sein, weil sie den Begriff einer Frau als abwertend empfindet, aber stets am Lautesten über schmutzige Witze lacht, deren Protagonistinnen schon froh darüber wären, mit jugendfreien Begriffen bezeichnet zu werden, in den Wechseljahren weicht wankend dem Rentner aus. Die Ausweichbewegung ist nötig, weil der Bürgersteig eigentlich zu eng für zwei Personen nebeneinander ist, ein Einbahnbürgersteig, ein graues, betoniertes Höflichkeitsexamen, und das Wanken, weil die Absätze ihrer Sandalen so hoch sind, dass ihr Schwerpunkt sich an einer Stelle befindet, die ganz sicher nicht zu denen gehört, an denen er sein dürfte, wenn sie ihr Gleichgewicht ohne weiteres halten könnte. Sie fummelt sich an den strohigen, gefärbten Haaren herum, die nach einem Shampoo riechen, dessen Werbung das leidenschaftlichste weibliche Stöhnen des gesamten Fernsehprogramms dieser Woche beherbergt, und wischt ihre Sonnenbrille ab und denkt an Herbert oder Hans oder irgendwas anderes mit H, der schon im Biergarten am chinesischen Turm auf sie wartet. Mitten in der Frage, ob wohl wieder er seinen großen Schäferhund mitbringt, stolpert sie über die Leine, die zu einem Terrier gehört, der treuherzig neben einer keuchenden Joggerin entlangkeucht.
“Vierzehnhundertdreiundneunzig”, denkt der Historiker, der gedankenverloren mit dem Blick auf seine Uhr gerichtet über die sowieso beinahe unbefahrene Straße schlendert, um niemanden anrempeln zu müssen. Als er den Arm mit der Uhr wieder senkt, hat er bereits vergessen, welche Uhrzeit sie angezeigt hat, und muss wieder auf die Uhr schauen. Er schaut fünfmal nach, wie spät es ist, bis er völlig vergisst, wohin er will, und aus Versehen in eine vollkommen falsche Richtung abbiegt.

Der Erzähler schlendert durch den Walter-Klingenbeck-Weg, mustert jeden Menschen sorgfältig und malt sich insgeheim aus, was wohl dessen Geschichte ist.

Alex @ 3:23 pm
Filed under: Alltagswahn and Gegenwart