Saturday, 11 Apr 2009

Ablenkungen

Ich sitze Ingwer-Orange-Bionade schlürfend auf der Terrasse – noch immer ganz aus dem Häuschen darüber, dass ich erstmals in einem Haus wohne, welches eine Terrasse hat –, versuche angestrengt wegzuriechen, während Duftschwaden meiner leider noch nicht fertigen Champignontiefkühlpizza aus der Küche hinausdringen, und zweifle daran, ob es besser für die Welt wäre, wenn ich gerade, innigst in die Windungen des “Forster” vertieft, Analysis lernen würde, anstatt hier zu sitzen und zu zweifeln. Meine These lautet natürlich “nein”, denn schließlich gäbe es andernfalls diesen Eintrag gar nicht.

Der Begriff der Kreativität bezeichnet die Fähigkeit schöpferischen Denkens und Handelns und erhält zunehmend positive Resonanz. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass es bislang keine Algorithmen oder strenge formale Methoden gibt, die zufriedenstellend neue Ideen generieren, um Probleme zu lösen. Es gibt zwar durchaus systematische Methoden, nach denen man sich dabei richten kann – wie Beispiel Six Sigma im Qualitätsmanagement – allerdings begnügen selbst diese damit, die wirklich kreativen Schritte des Verfahrens als solche zu benennen (wie der Punkt “Improve” bzw. “Engineer” in der Six Sigma-Methodik, der lediglich in etwas komplizierter Form ausdrückt, dass man sich etwas Gutes einfallen lassen soll), was zwar funktioniert, weil der Mensch zum Arbeiten keine streng formalen Arbeitsanweisungen benötigt, aber nicht erklärt, wie genau Ideen entstehen.

Ganz im Gegenteil: Arbeitsabläufe, die im Detail festgelegt sind, entsprechen nicht der Art zu arbeiten, die natürlich für Menschen ist – ein Grund dafür, dass Fließbandarbeit so unbeliebt ist.
Allerdings hat eine Arbeit, welche sich nicht in einen festgelegten Ablauf fassen lässt, den unbequemen Nachteil, sich nicht besonders gut planen zu lassen. Glücklicherweise gibt es keinen Job, der ausschließlich darin besteht, tagein, tagaus völlig neue Einfälle zu generieren: In allen denkbaren Fällen geht es um bereits vorhandene Rahmenbedingungen mit vorgegebenen Problemstellungen, Resultaten, Mitteln oder sonstigen Eigenschaften. Nun gehören zu diesen Bedingungen aber Vorgaben wie Deadlines (oder Klausurtermine), die es notwendig machen, den Arbeitsablauf grob festzulegen (und natürlich den positiven Effekt einer Kontrolle, wie viel man tatsächlich geschafft hat, mit sich bringen). Aber wie fein muss ein solches Raster sein?

Arbeiten zu können, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen, ist ein Wunschbild vieler, dessen Verwirklichung soziale Internettools wie StudiVZ, Facebook und Twitter seit der Erfindung von Internetforen und Instant Messaging ein nicht zu unterschätzendes Stück weit entgegengewirkt haben. Russel Davies berichtet auf Wired UK, dass er sich derartigen Ablenkungen hingibt, weil sie kreativitätsfördernd sind. Mit Sicherheit ist jemand, der sich fast ausschließlich in die Ablenkungen verstrickt, nicht produktiver als irgendwer, der einen festgelegten Plan abarbeitet – aber dass jemand, der beides in einem gesunden Kompromiss vereint, möglicherweise noch mehr schafft, halte ich zumindest für eine Überlegung wert.

Natürlich befindet ein Student sich in einer ganz anderen Position als jemand, der z.B. in einem Unternehmen arbeitet und einen konkreten Beruf besitzt, in dem er sich Problemen gegenüber sieht. Meine aktuelle Aufgabe ist es, mich auf meine Analysis-Klausur vorzubereiten und ob Bionadetrinken ein tieferes Verständnis des Satzes von Bolzano-Weierstraß mit sich bringt, wage sogar ich zu bezweifeln. Aber selbst im Studium (oder vielleicht gerade hier) sind derartige Problemstellungen im Idealfall nicht allumfassend, was den Lebensinhalt anbelangt, und ablenkende Ausflüge können Möglichkeiten mit sich bringen, über die man sonst gar nicht erst nachgedacht hätte.
Ich für meinen Teil versuche, eine Balance zu finden zwischen der Aufgabe, systematisch kanonisches Wissen zu erwerben und dem Wunsch, manches zu lernen, was nicht in Klassenräumen oder Hörsälen unterrichtet wird. Nur das erste zu tun wäre denkbar beschränkt, ausschließlich letzteres hingegen zu unbestimmt und unnütz, weil Urteilsfähigkeit und Handlungsraum eine Wissensgrundlage benötigen.

(Und jetzt gehe ich meine Pizza wieder aufwärmen.)


4 Responses to “Ablenkungen”

  1. Sergej Says:

    Betrachtet man die Tatsache, dass ich mich statt in mein Mathe-Skript lieber in deinen Blog vertiefe, erfreut es mich sehr, dass du eben die Gründe lieferst, die mein Verhalten rationalisieren.
    In dem Sinne freue ich mich darauf, gleich draußen Inliner zu fahren und meinen Kopf frei zu kriegen, um ihn hoffentlich heute abend neu zu füllen. Wenn ich denn nicht stattdessen doch dazu komme etwas “Kreatives” zu machen ;-)

  2. Alex Says:

    Möglicherweise könnte man mal probieren, beides zu kombinieren – Matheskripts und Blogs. ;) (Das wäre dann wohl der Extremfall von “sich keine Gedanken um Leserzahlen machen”. Ich kann mir wenige Blogs vorstellen, die ich langweiliger fände als die “Heute war ich im Kino und der süße Typ aus meiner Klasse war auch dabei”-Tagesreports, aber ich fürchte, “Forster, Analysis 1 – das Blog” wäre eins davon.)

  3. Anton Says:

    Es gibt eine Theorie, die den Prozess der Lösung von den schöpferischen Aufgaben als ein Algorithmus zu beschreiben versucht.

    Vielleicht finden Sie die folgende interessant
    http://de.wikipedia.org/wiki/TRIZ.

    Ehrlich gesagt, nachdem ich ein Buch zu diesem Thema gelesen habe, konnte ich kaum diese Theorie in meinem Leben benutzen -)

  4. Alex Says:

    Я боюсь, что любая попытка формализации изобретательских процессов не принесёт никаких новых знаний, если мы не в состоянии описать их на уровне той системы, в которой они происходят. Точные науки до сих пор не позволяют описать комплексные процедуры нашего мышления.

    Когда-то мне попалась в руки статья, где автор пытался описать эволюцию культуры при помощи алгоритмов. Воспринимать всерьёз такие вещи трудно. :)

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