Text and Vergangenheit

Sunday, 25 Jul 2010

Geschichte

Wer frei ist, überlegte Max eines Nachmittags im Herbst, als er auf seinem Balkon stand und die sich gelb färbenden Bäume betrachtete, kann sich nicht vorstellen, je eingesperrt zu sein, genausowenig wie ein Gefangener sich wirklich die Freiheit vorstellen kann. Die Trägheit der Masse hat ihr Pendant in der Trägheit des Geistes: alles, was in einem bestimmten Augenblick nicht der Fall ist, hat den Charakter eines Traumes. Die Folge ist, dass die Geschichte zwar in Büchern zu finden ist, aber kaum außerhalb – und was sind schon Bücher? Kleine Gegenstände, Dinge, die selten größer sind als ein Ziegelstein, nur leichter und fast unauffindbar zwischen den Myriaden anderer Dinge, die die Erdoberfläche bedecken, und obendrein auf dem besten Wege, von Tag zu Tag unbedeutender zu werden in der immer schneller aus lauter Codes sich speisenden elektronischen Welt. Alles beschleunigt sich, und was geschehen ist, hätte genausogut auch nicht geschehen sein können. Träume sind nach dem Aufwachen nur ein paar Minuten greifbar und dann vergessen. Wo war die Schlacht bei Verdun heute, außer in fast unauffindbaren und auf jeden Fall ungelesenen Büchern und in der Erinnerung einer Handvoll alter Männer, die in zwanzig Jahren mitsamt ihren Alpträumen und Narben begraben sein würden? Wo war die Schlacht von Stalingrad? Der Bombenangriff auf Dresden? Hiroshima? Auschwitz?

Aus: Harry Mulisch, “Die Entdeckung des Himmels”

Gegenwart and Sonstiges

Wednesday, 26 May 2010

Denker ohne Fühler

Ich hatte vorgestern zum ersten Mal unerwartet einen riesigen Maikäfer in den Haaren.

Irgendwie war das toll.

Fun and Mathematik and Studium and Text

Tuesday, 11 May 2010

Der Brouwersche Fixpunktsatz.

Was wäre, wenn der Brouwersche Fixpunktsatz nicht gelten würde[1] und es eine glatte Abbildung von einer abgeschlossenen Kreisscheibe auf ihren Rand gäbe? Ein literarisches Korollar.

An einem unscheinbaren Tag bewirkte ein Ereignis einen Widerspruch. Dieses Ereignis war irgendeines von jenen, die in Science Fiction-Geschichten Zeitreisen, Raumrisse, Paradoxien, Aufhebungen von Paradoxien und Cliff hanger verursachen. Dieser Widerspruch war nicht bloß irgendeiner, sondern ein ganz bestimmter und führte zu der Umkehrung des Wahrheitswertes des Brouwerschen
Fixpunktsatzes, der daraufhin eine Zeitlang nicht mehr galt.
Die ungewöhnlichen Erscheinungen des Tages, von denen diese Erzählung handelt, beinhalteten[2] einen fatalen Zwischenfall, der darin bestand, dass eine Frau ihren Ehegatten dazu bewegte, eine Kirsche zu verschlucken. Solche Zwischenfälle kommen in den besten Elternhäusern vor und sind normalerweise nicht bemerkenswert ungewöhnlich, geschweige denn fatal. Kirschen werden heutzutage fast überall verschluckt, von Argentinien bis Zimbabwe, was niemand für weiter bemerkenswert hält[3].
“Probier doch mal”, waren die Worte, die das Ende seines nicht mehr allzu langen Lebens einleiteten. Er tat, wie geheißen. Die Kirsche (mitsamt Kern[4], versteht sich, denn schließlich handelte es sich beim Protagonisten dieses Paragraphen nicht etwa um einen erfahrenen Kirschenesser, da die Verwendung des Wortes “Probieren” ansonsten eine Paradoxie wäare und das Ereignis nicht etwa eines war, das der Hervorrufung oder Behebung selbiger diente) glitt in den Mund und verschwand im Rachen, wobei anzumerken ist, dass sich der Mann nicht etwa daran verschluckte, nein, der Schluckvorgang verlief, wie man es sich nur wünschen kann, schnell und reibungsarm.
Daran ist noch immer nichts Ungewöhnliches festzustellen, abgesehen vielleicht einmal von der Tatsache, dass es sich bei diesem Zwischenfall um einen der seltenen Fälle handelte, in denen sich ein Mensch inständig gewünscht hätte, sich an einem Kirschkern verschluckt zu haben, wenn er denn noch lange genug am Leben gewesen wäre, um diesen Wunsch zu entwickeln.
Ungewöhnlich war die Zeitspanne, nach welcher der Kirschkern den Rachen des Mannes wieder verließ – ungewöhnlich kurz. Der Kirschkern traf auf jenen Teil der Schleimhaut, die den hinteren Teil des Rachens
bedeckte, und deformierte sie leicht, woraufhin sie sich nach außen hin dehnte, eine Öff nung freigab und mitsamt den dahinterliegenden Gewebeschichten den Weg für den Kirschkern bahnte, der daraufhin den Mann rückseitig aus dem Hals wieder verließ. Der Mann war nicht mehr topologisch äquivalent zu dem Mann, der er Sekunden zuvor noch gewesen war[5]. Und wie oft in solchen Fällen, hing die Vitalität (oder vielmehr deren Abwesenheit) des Mannes mit seiner Topologie zusammen.
Eine traurige Geschichte.
Der Ehefrau des Mannes fiel in Anbetracht der Ereignisse ihre Handtasche beinahe aus der Hand, was keinerlei Auswirkungen auf den Aufenthaltsort des Handtascheninhalts zu haben vermochte, da dieser ihre Handtasche zum selben Zeitpunkt und aus ähnlichen Beweggründen verlassen hatte wie der Kirschkern ihren Mann. Die Ehefrau japste nach Luft, welche daraufhin in ihre Lunge strömte. Ihr rechter Lungenflügel dehnte sich bedenklich.
Glücklicherweise kam es zu genau diesem Zeitpunkt zu einem weiteren Ereignis aus der Reihe derer, die schon so manches gute Science Fiction-Buch retteten.

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[1] In der Wissenschaftswelt gibt es ja immer wieder Streitigkeiten darüber, worin der Sinn und Zweck von Mathematik besteht, wieso man Mathematik in der Schule lernen muss, wieso man sie an der Universität manchmal noch immer lernen muss, wieso überhaupt irgendjemand Mathematik lernen sollte und wieso man, wenn man erwachsen ist und schon nicht mehr Mathematik lernen muss, trotzdem noch Geld dafür ausgeben muss, dass andere Leute, die Mathematik lernen wollen, Mathematik lernen dürfen. Denen, welche sich diese Fragen stellen, sei wärmstens nahegelegt, zur Feier ihres nächsten Geburtstags sechzehn Gäste einzuladen und einen Geburtstagskuchen zu backen.
Kirschkuchen, versteht sich.
[2] Sie beinhalteten auch noch andere erwähnenswerte Begebenheiten, zum Beispiel die Geschichte rund um zwei Freundinnen, die den betre enden Nachmittag in Badeanzügen am Mittelmeer verbrachten und aus Jugendschutzgründen dem Leser als Übungsaufgabe überlassen bleibt.
[3] Weshalb es auch niemand bemerkt und niemand auf die Idee kommt, darüber Texte zu schreiben.
[4] Glücklicherweise werden Kirschkerne nicht immer verschluckt, denn dieser Text hat seine Entstehung der Tatsache zu verdanken, dass die Verfasserin gerade ihre Rückenzerrung auf einem warmen Kirschkernkissen liegend auskuriert, welches ganz bestimmt nicht enstanden wäre, wenn die hierfür verwendeten Kerne nicht ihrerzeit sorgfältig abgelutscht und getrocknet worden wären.
Daher ist der betrachtete Fall keineswegs trivial.
[5] DON’T TRY THIS AT HOME.

Fun and Prokrastination

Monday, 22 Mar 2010

[ERROR: TITLE NOT FOUND]

Spambots tendieren heutzutage immer mehr zu Verhalten, welches sich beinahe als kreativ kategorisieren lässt. Immer wieder schöne Beispiele dafür liefert You Suck At Craigslist. Der Anlass für diesen Eintrag ist: Auch diesem Weblog wurde die Ehre eines Spambotkommentars zuteil! Danke, {Stefan|Jörg|Erik|Michael|Sandra|Michi}. Die Zeiten, in denen unsere Künstlichen Intelligenzen die Aufgabe unserer Kinder übernehmen, uns bei PISA-Studien zu enttäuschen, rücken immer näher.

Alltagswahn and Sonstiges

Sunday, 28 Feb 2010

Fernsehserien

Eigentlich sehe ich nicht fern. Für Nachrichten, Dokumentationen und Reportagen eignet sich das Internet weitaus besser, denn man entscheidet selbst über den Themenbereich, für den man sich interessiert. Für alles andere gibt es Kino und das Internet. Und doch gibt es einige gute Fernsehserien (die ich, wenn sie in der englischen Originalfassung im deutschen Fernsehen zu sehen wären, bestimmt auch im Fernsehen geschaut hätte), die sich prima dazu eignen, sich die Semesterferien vorlesungsfreie Zeit zu vertreiben, und in Klausurphasen streng verboten gehören:

  • Firefly. Warum diese Serie nach 14 Folgen abgesetzt wurde, ist denjenigen großen Teilen der Bevölkerung dieses Planeten, welche mit Firefly vertraut sind, ein Rätsel. Eine gelungene Mischung zwischen Science Fiction und Western, bei der es vorkommen kann, dass nach einer Reise an den Rand der Galaxie auf den dortigen Planeten plötzlich zu passenden Gitarrentönen auf Pferden über eine weite, begraste Ebene geritten wird. Ein weiteres Plus: Man versteht endlich auch all jene unzähligen xkcd-Comics.
  • Doctor Who (Original; Neue Serie). Der Klassiker, der sich dank dem Guinness-Buch der Rekorde als längste Scifi-Serie der Welt bezeichnen darf. Es geht um einen humanoiden Außerirdischen, “the doctor” genannt, welcher in einer TARDIS, die von außen aussieht wie eine britische Polizeizelle der 50er Jahre, durch Raum und Zeit reist, begleitet von weiblichen Companions (nicht im Firefly-Sinne).
    Die letzten ausgestrahlten DW-Staffeln sind allein schon wegen des Hauptdarstellers David Tennant sehenswert.
  • Dr Horrible’s Sing-Along Blog. Ein insgesamt fünfundvierzigminütiges Filmmusical in drei Teilen. Billy führt ein geheimes Doppelleben als Superschurke Dr Horrible, dessen oberstes Ziel es ist, in die Evil League of Evil aufgenommen zu werden. Von Firefly-Macher Joss Whedon, mit Neil Patrick Harris, Felicia Day und Nathan Fillion in den Hauptrollen und unübertrieben aaaabsolut sehenswert.
  • Torchwood. Ein Doctor Who-Spinoff, welches sich um das Torchwood-Institut zur Erforschung und Kontrolle außerirdischer Aktivitäten auf der Erde dreht, welches im Zeitrahmen der Serie von Captain Jack Harkness geleitet wird. Sowohl Torchwood als auch der Captain kamen in Doctor Who vor, was den lustigen Effekt hat, dass Doctor Who-Fans mehr über Torchwood wissen als Torchwood-Fans (wobei ich natürlich vernachlässige, dass unter den Fangemeinden gewisse Schnittmengen bestehen).
  • Terminator: The Sarah Connor Chronicles. Weniger actiongeladen als die Terminator-Filme, bietet Terminator: TSCC durchaus einiges, was das Herz eines Science Fiction-Liebhabers begehrt: Die technologische Singularität, Roboter, die die Menschheit zerstören wollen, zeitreisenbedingte Kausalitätsschleifen und ziemlich attraktive Hauptdarsteller.
  • The Big Bang Theory. Leonard und Sheldon sind zwei Caltech-Physiker, die in einer WG zusammen wohnen, als eine sehr attraktive, blonde Cheesecake Factory-Kellnerin in der Wohnung neben ihnen einzieht. Es beginnt eine unterhaltsamer Anreihung jener Missverständnisse, die an Reibungsflächen zwischen Nerdtum und sonstiger Welt zu entstehen pflegen.
    Zugegeben: Es ist eine Sitcom, und das Hintergrundgelächter ist eher nervtötend als notwendig (als müsste man auf jeden Witz erst hingewiesen werden). Aber davon mal abgesehen, erwischt man sich bereits nach einigen Folgen bei der Frage, ob die Big Bang Theory so ist wie das Leben oder umgekehrt. Und ob das Leben schon so war, bevor man angefangen hat, die Big Bang Theory zu gucken.
Text

Wednesday, 3 Feb 2010

Unser Schiff

Hier stehen wir und es steht uns bevor
Wir winken und wir hoffen auf ein Riff
Sperret zu die Tür, sperret auf das Tor
Wagnis treibt uns an und unser Schiff
Zeiten voller Quallen, Geister, die ich rief
Sehnsucht rieb an mir, während ich schlief
Gegenwart und Zukunft gleiten aus dem Griff
Sehnsucht zehrt an uns und unsrem Schiff
Es ist mehr dahinter, uns steht Meer bevor
Sehnsucht treibt uns an und unser Schiff
Es ist Meer dahinter, uns steht mehr bevor
Sehnsucht treibt uns an und unser Schiff
Es ist Meer dahinter, uns steht Meer bevor
Sehnsucht – unser Schiff

Gegenwart and Sonstiges

Thursday, 21 Jan 2010

Jugend und Alter

Vielleicht ist Unwissen leichter zu akzeptieren, wenn man unerfahren ist und sich dessen bewusst. Vielleicht widerspricht der bloße Zweifel an vermeintlichen Tatsachen immer mehr der Erfahrung, etwas herausgefunden zu haben, wenn man älter wird.
Vielleicht hat die Jugend des einundzwanzigsten Jahrhunderts es da leichter. Wir, die wir mit Wandel aufgewachsen sind, denen uns eine Welt, in der Berufe und Wohnorte von Generation zu Generation weitergegeben werden, völlig abstrus erscheint. Aber spätestens beim Gedanken “Das ist doch so!” sollten wir zu zweifeln beginnen. Spätestens, wenn man sein Realitätsmodell nicht mehr anders als aus ihm selbst heraus rechtfertigen kann, spätestens, wenn man keine besseren Begründungen findet als das zu Begründende selbst.

Illusion and Text

Thursday, 26 Nov 2009

Wunder

Die Euphorie erhob sich stolz über die Sehnsucht. “Bewundern ist ein zauberhaftes Wort.”, erklärte sie. “Be-wundern. Verwundernde Wundereigenschaften verleihen. Magie betreiben durch ein Beschreiben, ein Benennen, ein Erfinden und Erschaffen: Weil die Metaebene ein Teil der Realität ist und die Herrschaft über diese uns obliegt, ob nun auch oder ausschließlich. Weil wir Wunder schaffen können, indem wir Wunder sehen. Die Welt kann wunderbar, wunderschön, wundervoll und bezaubernd sein und wir in ihr. Verzaubern wir den Alltag.”
Vom Rand des Bewusstsein erklang irres Gelächter. Das Grauen kugelte sich auf dem Boden der Tatsachen, während die Aufmerksamkeit dahinschwand, bis schließlich nichts mehr von ihr übrig blieb.

Alltagswahn and Fun

Wednesday, 4 Nov 2009

Trennung

Vorgestern haben wir noch unser Einwöchiges gefeiert und es wurde mit Kräutertee darauf angestoßen. Doch heute steht mein Entschluss fest: Ich möchte mich von ihm trennen. Aus Selbstschutzgründen. Er ist nicht gut für mich und tut mir auf lange Zeit hinweg gesehen nur weh. Außerdem lässt er mir nie genug Raum für mich allein. Überall, wo ich hingehe, ist er auch. Und ich habe eigentlich auch gar keine Zeit für ihn. Nein, es ist aus. Bei nächster Gelegenheit mache ich Schluss mit ihm.

Und ich will ganz bestimmt keinen Kontakt mehr zu dir haben, lieber Virus!

Gegenwart and Leben and Menschen

Wednesday, 16 Sep 2009

2, 1, Risiko

Etwas allein deshalb nicht zu versuchen, weil es schief gehen kann, ist vollkommen aequivalent dazu, etwas nicht zu versuchen, weil es gut gehen kann.
Wenn “gut gehen” keine inhaltsleere Aussage sein soll, bedeutet dies, dass eine Moeglichkeit zu scheitern existiert, die mit endlicher (und sogar positiver) Wahrscheinlichkeit eintreten kann. Mit anderen Worten: Konsequenterweise darf man dann ueberhaupt nichts versuchen.

Mit anderen Worten: Es ist Quatsch.